Buchtipp: Don DeLillo – Null K

97834620494592Auch in der Literatur ist das Einfrieren und Auftauen in der Zukunft ein Leitgedanke, der immer wieder spannende Fragen aufwirft. Don DeLillos nun schon sechzehnter Roman greift diesen Menschheitstraum, das ewige Leben, auf und fragt, ob wir das denn wirklich wollen. Futuristische Wissenschaft oder dubiose Wirtschaft? Wie schon in seinen vorherigen Werken, man denke an White Noise, Cosmopolis oder auch Falling Man, beweist DeLillo seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, die Satire und Zeitgeschehen oft geradezu symbiotisch miteinander verbindet. So auch in Null K.

Artis, die zweite, wesentlich jüngere Frau des Milliardärs Ross Lockhart, ist sterbenskrank, ihr bleibt nicht mehr viel Zeit. Lockhart selbst ist Investor bei einem mysteriösen Unternehmen, dass sich ganz dem Unterfangen „Die Konvergenz” gewidmet hat. Bei diesem Verfahren wird der Körper auf etwa null Grad Kelvin heruntergekühlt, also „kryonisch konserviert“, um ihn in der Zukunft, wenn die Heilungschancen besser stehen, wieder aufzutauen. Dabei steht fest, Sinn und Zweck der Aktion ist nicht die Erlangung von Unsterblichkeit: „Wir reden nicht vom ewigen spirituellen Leben. Es geht um den Körper.“ Irgendwo in der kasachischen Wüste warten Artis und Ross nun auf den großen Moment, begleitet von seinem erwachsenen Sohn Jeffrey aus erster Ehe, der auch der Erzähler dieser Reise ist. Jeffrey erkundet die futuristische Anlage, trifft auf viele, teils seltsame Gestalten und lernt zum ersten Mal seinen eigenen Vater richtig kennen. Bis dieser sich überlegt, gemeinsam mit Artis zu konvergieren.

Null K ist eine Meditation über den Tod und das Sterben, ein Thema das im letzten Jahr besonders allgegenwärtig schien. Was sehr nach Science Fiction klingt, ist viel mehr eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte und in gewisser Hinsicht auch ein Plädoyer für die große Liebe, die den Tod überdauert. Der Wärme der Familienmitglieder setzt DeLillo gekonnt die wortwörtliche Kälte der Konvergenz entgegen. Wenn Jeffrey durch die Räumlichkeiten des Unternehmens wandert, dort mit ansieht, wie Menschen an ihren Krankheiten dahinsiechen und nur darauf gewartet wird, dass sie endlich sterben, dann wird einem sofort wieder bewusst, dass es sich letztendlich nur um eine Industrie handelt, die mit der Hoffnung anderer ihr Kapital macht, denn ob die Methode Erfolg hat, wird wohl kaum einer der Anwesenden erleben. Dabei ist Null K nicht frei von Humor, im Gegenteil. Jeffreys Schlagabtausche mit seinem Vater und seine Verwunderung über die absurden Begegnungen innerhalb der Anlage sind wunderbar unterhaltsam und nehmen der Handlung genau das richtige Maß an Schwermut, die Erzählungen über den Tod nun einmal so an sich haben. Das macht den Roman noch lange nicht zu einer Feel Good Novel, zeigt aber, dass ein Buch über den Tod genauso gut auch immer ein Buch über das Leben ist.

(Text: Annette Schimmelpfennig, Verlag: Kiepenheuer & Witsch)

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